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Zweifel

Umgang mit Gefühlszweifeln

Manchmal sind die Fakten nur die Oberfläche. Der Zweifel kommt von ganz woanders her. (Das ist keine therapeutische oder medizinische Diagnose, sondern eine philosophische.)

Gefühlszweifel können körperliche Ursachen haben, aus alten Wunden stammen oder aus unseren Gemeinschaften und ihren Glaubenssätzen und Bildern (Filme, Bücher, Musik, Gruppendruck).

Körperliche Ursachen

Viele Menschen sind anfälliger für Zweifel, wenn sie zu wenig schlafen, sich schlecht ernähren oder zu erschöpft sind. Ich bin anfälliger, wenn ich zu viel Käse esse und zu lange aufbleibe.

Auch Depressionen können körperliche Ursachen haben.

Eine gute Reaktion ist dann: schlafen. Essen. Sport. Zum Arzt gehen.

Das ist auch ein Teil der Therapie Gottes für den Propheten Elia. Elia war sehr erschöpft und hat plötzlich Todesangst bekommen. Gottes schickt ihn auf einen Wanderurlaub, gibt ihm Schlaf und Essen. (1.Könige 19,3-8)

Wenn Sie mit Depressionen kämpfen, gehen Sie bitte zum Arzt!

Alte Wunden

Der Gefühlszweifel kann aber auch aus alten Wunden kommen. Meinen Erfahrungen als Kind. Verletzungen, die ich mit mir herumtrage.

Erziehung

Dazu kann auch einfach die Erziehung gehören. Der Althistoriker Jürgen Spieß berichtet über seine Eltern:

„Als ich zum ersten Mal darüber nachdachte, welcher Spruch mich in besonderer Weise geprägt hatte, kam mir mein Vater in den Sinn. Wenn ein Politiker im Fernsehen sprach, sagte er: ‚Das ist alles gelogen.‘ Wenn die Mutter erzählte, was die Nachbarin sagte, hörte ich den gleichen Spruch: ‚Alles gelogen.‘ Dieser Satz hat mich sehr geprägt. Ich bin ein Skeptiker geworden.“ (Jürgen Spieß, Jesus für Skeptiker, Brockhaus, Wuppertal (10. Auflage 2006) 1990, 5)

Vielleicht hat unsere Erziehung uns so geformt, dass Zweifel an der Liebe von Gott und den Menschen zur ganz normalen, automatischen Gefühlsreaktion wird?

Für alle, die solche Muster in sich erkennen, empfehlen sich Gespräche mit Seelsorgern oder Beratern oder die Teilnahme an Selbsthilfegruppen.

Schuld

Die alten Wunden meiner Seele können übrigens auch Schuldgefühle sein. Solche Gefühle können begründet sein, denn Schuld ist ein reales Phänomen. Doch ist gibt Hoffnung auf der Suche nach Befreiung und Vergebung.

Gesellschaft – Kultur und Gruppendruck

Filme, Bücher und Musik

Sehr oft werden  Gefühle auch durch Filme, Bücher und Musik beeinflusst. Die Kraft und Aufgabe von Kunst ist eben auch, dass sie uns nicht nur intellektuell, sondern auch emotional anspricht und bewegt.

  • Wer Kunst konsumiert, die Sinnlosigkeit feiert, fühlt sich vielleicht selbst sinnentleert.
  • Wer Literatur liest, die kraftvoll aber aggressiv ist, fühlt sich vielleicht überwältigt.

Für alle, die solche Effekte von Kunst bei sich entdecken, könnte es hilfreich sein, sich von dieser Art Kunst fern zu halten.

Gruppendruck

Gruppendruck erzeugt ebenfalls starke Gefühle. Vertrauen in verschiedenen Beziehungen ist vielleicht im Büro und in der Nachbarschaft nicht „in“. Wer Jesus vertraut, wird dann möglicherweise als naiv oder ungebildet gesehen. Dann fällt vielleicht ein Satz wie „Das sind doch Alt-Weiber-Fabeln.“ Oder, wie der Theologe Rudolf Bultmann sagt:

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben.“ (Rudolf Bultmann, Neues Testament und Mythologie, 1954, 18.)

Das Wörtchen „man“ ist hier oft entlarvend.

Der Philosoph Peter van Inwagen beurteilt trocken:

„Falls Bultmann Gründe für diese Behauptung bekannt waren, hat er sie seinen Lesern nicht mitgeteilt.“

„If Bultmann knew of some reasons for believing this assertion he did not share with his readers.“ (Peter van Inwagen, God, Knowledge, and Mystery, Cornell University Press, 1995, 3.)

Die Zweifelssaat von Bultmann ist hier reiner Gruppendruck.

Heilsame Orte und Hoffnung wecken

Eine gute Reaktion auf Gefühlszweifel kann so aussehen:

Verbringe Zeit an heilsamen Orten mit heilsamen Personen oder Dingen, Kunst, die die Hoffnung weckt. Menschen, die Erbarmen haben.

Solche Menschen sollten wir übrigens oft in Kirchengemeinden finden, denn die Heilige Schrift sagt:

„Erbarmt euch derer, die zweifeln.“ (Die Bibel, Judasbrief 22)

Deswegen empfiehlt Wilfried Härle:

„… dann weiß ich jedenfalls keinen besseren Rat, als ganz unoriginell zur Botschaft des Evangeliums und damit zu Gott immer neu den Kontakt zu suchen: durch Gebet, Bibellektüre, Gottesdienstbesuch und das Gespräch mit anderen Menschen. Das ist kein Rezept zur Herstellung oder Erhaltung von Glauben, aber es ist, wenn CA 5 recht hat, das Beste, was wir tun können; denn Gott wirkt durch seinen Heiligen Geist den Glauben wo und wann er will in denen, die das Evangelium hören.“ (Wilfried Härle, Christlicher Glaube zwischen Skepsis und Gewissheit. Materialdienst der EZW. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen 9/14, EKD Verlag, Hannover 2014, 325-333, 333)

Die Fakten kennen – und frisch halten

Zugleich ist es wieder wichtig, sich an die Tatsachen zu erinnern, an die Erfahrungen, die ich gemacht habe, die Fakten und Argumente, die ich kenne. Die Beobachtung des Philosophen van Inwagen, dass der Theologe Bultmann keine Gründe mitgeteilt hat, führt in diese Richtung.

Fragen wir:

  • Woher wissen wir das? Wieso glauben wir das? Welche Gründe gibt es für diese Gefühle?

Eine Möglichkeit, sich an die Fakten, die man für wahr hält zu erinnern, erwähnt Wilfried Härle als den

„… Rat, den Peter Böhler seinem um Glaubensgewissheit ringenden Freund John Wesley gab: ‚Predige den Glauben, bis du ihn hast; und dann predige ihn, weil du ihn hast.‘ … nicht wir ‚haben‘ ihn, sondern, wenn es gut geht, hat und hält er uns.“ (Wilfried Härle, Christlicher Glaube zwischen Skepsis und Gewissheit. Materialdienst der EZW. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen 9/14, EKD Verlag, Hannover 2014, 325-333, 333)

Allerdings spielt sich nicht alles in unserem Denken oder in unseren Gefühlen ab. Es gibt noch eine dritte Art von Zweifel: die Willenszweifel.