Ist das Universum leer? Wurde es durch den „Fortschritt“ entleert, und zwar so leer gemacht, dass wir es nur betäubt oder als psychisch krank ertragen, wie C.S. Lewis es voller Ironie und Klarheit beschreibt? Oder gibt es eine Verbindung in eine andere Realität? (Hier geht es zu einem kurzen Video, das beide Texte vorstellt.)
Der „Cambridge Dichter, Priester und Singer-Songwriter“ Malcolm Guite ist auch Akademiker und unterrichtete schon an vielen britischen Universitäten. Sein Gedicht über die Himmelfahrt ist voller Anspielungen auf die Berichte und Texte im Neuen Testament. Das ist ein krasser Kontrast zur „endgültigen Leere“, die Lewis thematisiert, denn die Himmelfahrt spielt in dem „lebendigen Universum“, von dem Lewis spricht.
Malcolm Guite, A Sonnet for Ascension Day
Wir sahn die Herrlichkeitswolke durchbrochen von seinem Licht
Und waren noch in Zeit und Ort gepflanzt
Als die Erde eintrat in die himmlische Geschichte
Als sich der Himmel auftat für sein menschliches Gesicht.
Wir sahn ihn gehen, und warn doch nicht entzweit
Er nahm uns mit sich in das Herz des Seins
Das Herz, das allen mit zerbrochnen Herzen brach
Ist ganz und himmelsmittig und es singt
singt in der Kraft, die aufsteigt aus dem Schwachen,
Durchsingt die Wolken, die den Blick auf ihn verschleiern
Und seine Zeugen-Wolken werden wir dabei
Und singen in sein Licht die Dunkel, die vergehn
Sein Licht in uns, und unsers eingehüllt in seinem
worauf die Schöpfung wartet, es enthüllt zu sehn.
(Sounding the Seasons, Canterbury Press, Norwich 2012. Online hier. Deutsch von Christian Bensel)
Das leere Universum von C. S. Lewis
Dieses Buch¹ ist meines Erachtens der erste Versuch, eine Denkrichtung umzukehren, die seit den Anfängen der Philosophie im Gange ist.
Der Prozess, durch den der Mensch das Universum erkannt hat, ist aus einer Perspektive äußerst komplex, aus einer anderen erschreckend einfach. Wir können eine einseitige Entwicklung beobachten. Zu Beginn erscheint das Universum erfüllt von Willen, Intelligenz, Leben und positiven Eigenschaften; jeder Baum ist eine Nymphe und jeder Planet ein Gott. Der Mensch selbst ist den Göttern verwandt. Der Fortschritt des Wissens entleert dieses reiche und freundliche Universum allmählich: zuerst seiner Götter, dann seiner Farben, Gerüche, Klänge und Geschmäcker, schließlich seiner Festigkeit selbst, wie sie ursprünglich verstanden wurde.
Indem diese Elemente der Welt entzogen werden, gelangen sie auf die subjektive Seite der Betrachtung: klassifiziert als unsere Empfindungen, Gedanken, Bilder oder Gefühle. Das Subjekt wird überfrachtet, aufgebläht, auf Kosten des Objekts.
Doch damit nicht genug. Dieselbe Methode, die die Welt entleert hat, entleert nun uns selbst. Die Meister dieser Methode verkünden bald, dass wir uns genauso geirrt haben (und zwar auf ähnliche Weise), als wir menschlichen Organismen „Seelen“, „Selbst“ oder „Geist“ zuschrieben, wie als wir Bäumen Dryaden zuschrieben. Der Animismus beginnt offenbar im eigenen Heim. Wir, die wir alles andere personifiziert haben, erweisen uns selbst als bloße Personifikationen.
Der Mensch ist in der Tat den Göttern verwandt: Er ist nicht weniger illusorisch als sie. So wie die Dryade ein „Geist“ ist, ein verkürztes Symbol für all die Fakten, die wir über den Baum wissen und fälschlicherweise für ein mysteriöses Wesen jenseits dieser Fakten halten, so ist der „Geist“ oder das „Bewusstsein“ des Menschen ein verkürztes Symbol für bestimmte überprüfbare Fakten über sein Verhalten: ein Symbol, das fälschlicherweise für eine Sache gehalten wird. Und so wie wir uns von unserer schlechten Angewohnheit, Bäume zu personifizieren, befreit haben, so müssen wir uns nun auch von unserer schlechten Angewohnheit befreien, Menschen zu personifizieren: eine Reform, die im politischen Bereich bereits vollzogen wurde. Es gab nie eine subjektive Darstellung, in die wir die verlorenen Elemente des Objekts hätten übertragen können. Es gibt kein „Bewusstsein“, das all die verlorenen Götter, Farben und Konzepte als Bilder oder private Erfahrungen umfassen könnte. Bewusstsein ist „nicht die Art von Substantiv, die sich so verwenden lässt“.
Denn uns wird nahegelegt, dass unser Fehler sprachlicher Natur war. All unsere bisherigen Theologien, Metaphysiken und Psychologien waren ein Nebenprodukt unserer mangelhaften Grammatik. Max Midlers Formel (Mythologie ist eine Krankheit der Sprache)² kehrt somit mit einer umfassenderen Tragweite zurück, als er je geahnt hätte. Wir haben uns diese Dinge nicht einmal vorgestellt, wir haben nur wirr gesprochen. Alle Fragen, die die Menschheit bisher mit tiefster Sorge um die Antwort gestellt hat, erweisen sich als unbeantwortbar; nicht weil die Antworten uns wie „göttliche Geheimnisse“³ verborgen bleiben, sondern weil es sinnlose Fragen sind wie: „Wie weit ist es von der London Bridge bis Weihnachten?“ Was wir zu lieben glaubten, wenn wir eine Frau oder einen Freund liebten, war nicht einmal ein Trugbild wie das Segel, das hungernde Seeleute am Horizont zu sehen glauben. Es war eher ein Wortspiel oder eine sophisma per figuram dictionis.4
Es ist, als ob ein Mann, getäuscht durch die sprachliche Ähnlichkeit zwischen „mein Selbst“ und „meine Brille“, morgens, bevor er sein Schlafzimmer verlässt, nach seinem „Selbst“ suchen würde, um es in die Tasche zu stecken: Er könnte es im Laufe des Tages brauchen. Wenn wir die Entdeckung beklagen, dass unsere Freunde kein „Selbst“ im alten Sinne haben, verhalten wir uns wie ein Mann, der bittere Tränen vergießt, weil er sein „Selbst“ nirgends auf dem Schminktisch oder gar darunter finden kann.
Und so gelangen wir zu einem Ergebnis, das dem Nichts ungewöhnlich ähnlich ist. Während wir die Welt auf fast nichts reduzierten, täuschten wir uns mit der Illusion, all ihre verlorenen Eigenschaften würden (wenn auch in etwas demütigerem Zustand) als „Dinge in unserem eigenen Geist“ bewahrt. Offenbar hatten wir den dazu nötigen Geist aber gar nicht. Das Subjekt ist so leer wie das Objekt. Fast-niemand hat sprachliche Fehler gemacht, und zwar über Fast-nichts. Im Großen und Ganzen ist dies das Einzige, was je geschehen ist.
Nun liegt das Problem mit dieser Schlussfolgerung nicht einfach darin, dass sie unseren Gefühlen unangenehm ist. Sie ist ihnen nicht immer und nicht jedem Menschen unangenehm. Diese Philosophie hat, wie jede andere auch, ihren Reiz. Und ich vermute, sie wird sich als sehr geeignet für die Regierung erweisen. Das alte „Freiheitsgerede“ war stark mit der Vorstellung verknüpft, dass, wie im Inneren des Herrschers, so auch im Inneren des Untertanen eine ganze Welt existierte, für ihn der Mittelpunkt aller Welten, geräumig genug für unendliches Leid und Freude. Aber nun hat er natürlich kein „Inneres“ mehr, außer dem, das man findet, wenn man ihn aufschneidet. Wenn ich einen Menschen lebendig verbrennen müsste, fände ich diese Lehre wohl angenehm.
Die eigentliche Schwierigkeit für die meisten von uns ist eher wie eine physische: Es fällt uns schwer, unseren Geist auch nur zehn Sekunden am Stück in die von dieser Philosophie geforderte Form zu verdrehen. Und um ihm gerecht zu werden: Hume (ihr großer Vorfahre) warnte uns davor, es zu versuchen. Er empfahl stattdessen Backgammon. Und er gab freimütig zu, dass unsere Theorie, wenn wir nach einer angemessenen Dosis (Backgammons) zu ihr zurückkehrten, „kalt, gezwungen und lächerlich“ wirken würde.⁵ Und offensichtlich müssen wir, wenn wir den Nihilismus wirklich akzeptieren, auch so leben: genau wie wir, wenn wir Diabetes haben, Insulin spritzen müssen. Aber man möchte lieber keinen Diabetes haben und auf Insulin verzichten. Sollte es tatsächlich eine Alternative zu einer Philosophie geben, die nur durch wiederholte (und vermutlich steigende) Backgammon-Partien aufrechterhalten werden kann, würden die meisten Menschen wohl gerne davon hören.
Es gibt tatsächlich (so wird mir berichtet) eine Möglichkeit, nach dieser Philosophie ohne Backgammon zu leben, aber es ist keine, die man ausprobieren möchte. Ich habe gehört, dass es Zustände des Wahnsinns gibt, in denen eine solche nihilistische Doktrin tatsächlich glaubwürdig wird: Dr. I. A. Richards würde dann sagen, dass ihr „Gefühle von Überzeugung“ angehaftet sind.⁶ Der Patient hat die Erfahrung, niemand in einer Welt von Niemanden und Nichts zu sein. Diejenigen, die aus diesem Zustand zurückkehren, beschreiben ihn als höchst unangenehm.
Natürlich ist der Versuch, den Prozess aufzuhalten, der uns vom lebendigen Universum, in dem der Mensch den Göttern begegnet, in die endgültige Leere geführt hat, in der ein fast niemand seine Irrtümer über das fast nichts erkennt, nichts Neues. Jeder Schritt dieses Prozesses wurde angefochten. Viele Abwehrkämpfe wurden geführt; einige dauern noch an. Doch es ging lediglich darum, die Bewegung aufzuhalten, nicht umzukehren. Genau das macht Mr. Hardings Buch so wichtig. Wenn es „funktioniert“, dann erleben wir den Beginn einer Wende: nicht ein einzelnes Festhalten hier oder dort, sondern eine Denkweise, die versucht, die gesamte Frage neu zu eröffnen. Und wir sind im Voraus überzeugt, dass nur solches Denken helfen kann.
Der fatale Fehltritt, der uns zum Nihilismus geführt hat, muss ganz am Anfang geschehen sein. Eine Rückkehr zum Animismus, wie er vor dem Beginn des „Verfaulen“ war, ist natürlich ausgeschlossen. Niemand geht davon aus, dass die Überzeugungen der vorphilosophischen Menschheit, so wie sie vor ihrer Kritik bestanden, wiederhergestellt werden können oder sollten. Die Frage ist, ob die ersten Denker, indem sie diese unter dem Druck der Kritik modifizierten (und zwar zu Recht), nicht ein voreiliges und unnötiges Zugeständnis machten. Es war sicherlich nicht ihre Absicht, uns den absurden Konsequenzen auszusetzen, die tatsächlich daraus resultierten. Solche Irrtümer sind natürlich in Debatten oder auch in unseren stillen Gedanken sehr verbreitet. Wir beginnen mit einer Ansicht, die viel Wahrheit enthält, wenn auch in verworrener oder übertriebener Form. Dann werden Einwände erhoben, und wir ziehen sie zurück. Doch Stunden später stellen wir fest, dass wir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben und dass die ursprüngliche Ansicht bestimmte Wahrheiten enthalten haben muss, deren Fehlen uns nun in Absurditäten verstrickt. So ist es auch hier. Indem wir die Dryaden und die Götter verwarfen (die zugegebenermaßen in ihrer ursprünglichen Form „nicht zielführend“ waren), scheinen wir das gesamte Universum, uns selbst eingeschlossen, verworfen zu haben. Wir müssen zurückgehen und von vorn beginnen: diesmal mit besseren Erfolgsaussichten, denn wir können nun natürlich alle Erkenntnisse und methodischen Verbesserungen nutzen, die unsere Argumentation als Nebenprodukte in ihrem ansonsten verhängnisvollen Verlauf hervorgebracht hat.
Es wäre anmaßend, so zu tun, als wüsste ich, ob Mr. Hardings Versuch in seiner jetzigen Form Erfolg haben wird. Sehr wahrscheinlich nicht. Man erwartet ja kaum, dass die erste oder die einundzwanzigste Rakete zum Mond eine erfolgreiche Landung hinlegt. Aber es ist ein Anfang. Sollte es sich auch nur als ferner Vorläufer eines Systems erweisen, das uns wieder ein glaubwürdiges Universum mit glaubwürdigen Akteuren und Beobachtern präsentiert, so wird es dennoch ein sehr wichtiges Buch gewesen sein.
Es hat mir auch jene erfrischende und befriedigende Erfahrung beschert, die in manchen theoretischen Werken scheinbar teilweise unabhängig von unserer endgültigen Zustimmung oder Ablehnung ist. Diese Erfahrung lässt sich am leichtesten abschütteln, wenn man sich daran erinnert, was uns immer widerfahren ist, wenn wir uns von den weniger bedeutenden Vertretern eines Systems, selbst eines Systems, das wir ablehnen, seinen großen Gelehrten zugewandt haben. Ich habe sie erlebt, als ich mich von den gewöhnlichen „Existenzialisten“ zu Sartre selbst, von den Calvinisten zur Institutio, von den „Transzendentalisten“ zu Emerson und von Büchern über den „Renaissance-Platonismus“ zu Ficino gewandt habe. Man mag weiterhin anderer Meinung sein (ich widerspreche allen eben genannten Autoren entschieden), aber man versteht nun zum ersten Mal, warum jemals jemand zugestimmt hat. Man hat neue Luft geatmet, ist in dem neuen Land aufgenommen worden. Es mag ein Land sein, in dem man nicht leben kann, aber man versteht nun, warum die Einheimischen es lieben. Man wird fortan alle Systeme etwas anders sehen, weil man dieses hier erlebt hat. Aus dieser Perspektive betrachtet, besitzen Philosophien einige der gleichen Eigenschaften wie Kunstwerke. Ich beziehe mich keineswegs auf die literarische Kunst, mit der sie ausgedrückt werden können oder auch nicht. Es ist die Ipseitas, die besondere Einheit der Wirkung, die durch eine spezielle Ausgewogenheit und Strukturierung von Gedanken und Gedankenklassen entsteht: eine Freude, die derjenigen sehr ähnlich wäre, die Hesses Glasperlenspiel (in dem gleichnamigen Buch) bereiten würde, wenn es denn wirklich existieren könnte.7 Eine solche neue Erfahrung verdanke ich Herrn Harding.
Anmerkungen
1. Dieser Aufsatz wurde erstmals als Vorwort zu D. E. Hardings „Die Hierarchie von Himmel und Erde: Ein neues Diagramm des Menschen im Universum“ (London, 1952) veröffentlicht [und wiederveröffentlicht in „Present Concerns: Journalistic Essays“, Harper Collins. Online verfügbar hier.]
2. Friedrich Max Müller, Wissenschaft der Sprache (1864), Zweite Reihe, Vorlesung VIII über „Metapher“.
3. Geoffrey Chaucer, Die Canterbury Tales, Der Müller, Zeile 3164.
4. „Sophismus im Gewand der Sprache“. [Trugschluss durch die Sprachform]
5. David Hume, Eine Abhandlung über die menschliche Natur (1739–40), Buch I, Teil IV, Abschnitt VII.
6. I. A. Richards, Prinzipien der Literaturkritik (1924), Kapitel XXXV.
7. Hermann Hesses Das Glasperlenspiel (1943) wurde von R. und C. Winston (London, 1970) ins Englische übersetzt als The Glass Bead Game.
Ist das Universum leer? Nein, aber unser Denken ist irgendwann „falsch abgebogen“ und wir sind mit einer Philosophie konfrontiert, die nicht lebbar ist. Die falsche Abbiegung war wohl, die materielle Wirklichkeit als grundlegend (und exklusiv) zu sehen und unser „Inneres“ zu ignorieren.
Das Himmelfahrtsgedicht von Malcolm Guite spricht eine andere Vision der Wirklichkeit an: Es gibt nicht nur die Erde, es gibt auch den Himmel. Und es gibt wegen Jesus Christus eine Verbindung, die Hoffnung macht.
